Von der medizinischen und der beruflichen Rehabilitation zur nachhaltigen Wiedereingliederung in Arbeit bei psychischen Beeinträchtigungen im Raum Berlin-Brandenburg

Projektleitung:Prof. i.R. Dr. Ernst von Kardorff
Wissenschaftliche MitarbeiterInnen:Dr. Alexander Meschnig, Dr. Sebastian Klaus, M.A. Sascha Alexander Blasczyk
Projektförderung:Gefördert durch die DRV-Berlin-Brandenburg
Projektlaufzeit:06.2016 - 04.2019

Hintergrund

Die Zunahme von Rehabilitanden mit psychischen und psychosomatischen Diagnosen ist mit erheblichen – insbesondere finanziellen – Konsequenzen verbunden (vgl. DAK 2014, BKK 2014). Die OECD schätzt die Kosten einschließlich der Produktivitätsausfälle durch psychische Störungen weltweit auf „several billions of dollar annually“ (Corbiere et al 2013, S. 267). In Deutschland machen psychische Störungen mittlerweile 37% der Erwerbsminderungsrenten aus (DRV 2014, S. 23).
Im Sinne des Leitsatzes „Reha vor Rente“ zielen Rehabilitationsleistungen im Auftrag der Gesetzlichen Rentenversicherung auf geeignete Interventionen, die längere AU-Zeiten oder ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Arbeitsleben aufgrund psychischer Beeinträchtigungen verhindern und dazu beitragen sollen, Beschäftigung, ggf. auf einem leidensgerechten Arbeitsplatz, nachhaltig sichern zu helfen. Insgesamt wurden im Jahr 2012 rund 157.000 Leistungen zur medizinischen Rehabilitation wegen psychischer Störungen erbracht (ebd., S. 13). Mit rund 14 % aller bewilligten medizinischen Reha-Leistungen stellen sie die drittgrößte Indikationsgruppe dar. Die Ausgaben der DRV für die medizinische Rehabilitation psychischer Störungen beliefen sich 2012 auf 716 Millionen Euro, ein Viertel der Gesamtausgaben für medizinische Reha (ebd., S. 14).
Depressionen (vgl. Eierdanz 2011) und stressbedingte Erkrankungen (Siegrist & Siegrist 2010; Siegrist 2015) stellen nachweisbar einen besonderen Risikofaktor für erfolgreiches Return to Work (RTW) dar. Dabei korreliert der Schweregrad der Depression mit einer verringerten RTW-Rate und einer verlängerter Dauer bis zum RTW (vgl. Dewa et al. 2002; Brouwers et al 2009). Weitere Analysen zu RTW bei psychischen Störungen zeigen, dass Krankheitsbild, arbeitsplatzbezogene Faktoren und die Krankheitsverarbeitung eine wichtige Rolle spielen (vgl. Blank et al. 2008, Cornelius et al. 2011, Wege und Angerer 2015). Verfahrensbedingt wird auch auf eine oft verfrühte Rückkehr an den Arbeitsplatz nach Abschluss der Rehabilitation verwiesen, was sich auch in unserer laufenden Studie bereits in Ansätzen gezeigt hat.
In einer Metasynthese zu RTW und psychischen Störungen auf der Basis von acht qualitativen Studien kommen Andersen et al. (2012) zum Schluss, dass RTW als ein Prozess betrachtet werden muss in dem (berufs)biografische Vorerfahrungen mit Rückkehrerwartungen und der (subjektiven) Einschätzung der Zukunft interagieren.
Bislang fehlt es allerdings an evidenzbasiertem Wissen über nachhaltig erfolgreiche Rehabili-tationsstrategien bei psychischen Störungen. Nieuwenhuijsen und Kollegen stellten in ihrem Cochrane-Review fest, dass zusätzliche berufsbezogene Reha-Strategien, über die rein medizinische Intervention hinaus, mittelfristig die Fehlzeiten reduzieren (moderate Evidenz).
Ebenso scheint eine längerfristige Begleitung zum Erfolg beizutragen (Nieuwenhuijsen et al 2014).
In Deutschland fehlen bislang weitgehend Analysen der (berufs-)biografischen und arbeitsplatzbezogenen Vorgeschichte, die zur Chronifizierung psychischer Störungen oder zum scheinbar plötzlichen Ausbruch psychischer Krisen führen. Zudem gibt es kaum Studien, die darüber Auskunft geben, ab welcher Schwelle psychische Belastungen und/oder Leistungs-einbußen von den Betroffen selbst wahrgenommen bzw. von anderen (Familie, Arbeitskollegen, Arbeitgeber, Hausärzte) zurückgespiegelt werden. Praktisch kein Wissen besteht darüber, wie die Betroffenen mit ihren psychischen Belastungen vor der fachlichen Diagnose umgehen, welche individuellen Strategien sie entwickeln und welche psychischen, sozialen und ökonomischen „Kosten“ damit einhergehen. Darüber hinaus ist die entscheidende Rolle „von individuellen Faktoren bei der Rückkehr in Arbeit nach einer psychischen Erkrankung bisher nur wenig untersucht“ (Wege und Angerer 2015, S. 723). Darin sehen wir erhebliche Forschungsdesiderate, die vor allem über biografieorientierte Forschungsansätze mit qualitativer Gewichtung bearbeitet werden müssen, da hier die Perspektive bzw. die Lebens- und Leidensgeschichte der betroffenen Personen im Vordergrund steht.

Ziel der Untersuchung

Vor dem skizzierten Hintergrund besteht das Hauptziel der Studie darin, den konkreten Verlauf der Rückkehr in und des Verbleibs in Arbeit aus Sicht der betroffenen Rehabilitanden vom Klinikaufenthalt oder nach Ende der beruflichen Rehabilitation an ihren (alten bzw. auf einen neuen) Arbeitsplatz nachzuverfolgen. Wir legen den Fokus unserer Studie dabei auf folgende, in der einschlägigen Forschung bislang vernachlässigte, Fragestellungen:

  • Mit welchen individuellen Erwartungen und Emotionen (z.B. Ängsten) kehren psychisch beeinträchtigte Rehabilitanden nach einer medizinischen bzw. beruflichen Reha an ihren Arbeitsplatz zurück?
  • Wie vollzieht sich die Wiedereingliederung (RTW) konkret und wie sieht das subjektive Erleben aus?
  • Wie werden nach der medizinischen und nach der beruflichen Rehabilitation die Anforderungen an die Arbeit erlebt und wie arrangieren sich die Rehabilitanden mit den Arbeitsanforderungen (subjektives Management des Krankseins in der Arbeitswelt)?
  • Welche für einen erfolgreichen nachhaltigen Verbleib in Arbeit (SAW) förderlichen, aber auch belastenden Faktoren, erleben die Rehabilitanden?
  • Werden in der Rehabilitation erlernte Strategien (z.B. Stressmanagement) und Empfehlungen von der Rehabilitanden genutzt, in welchem Umfang und in welcher individuellen Aneignungsform geschieht dies? Welche Strategien werden aus welchen Gründen nicht genutzt? Welche längerfristig gesundheitsgefährdenden Strategien werden verfolgt?
  • Welche konkreten Unterstützungsangebote von Rehabilitationseinrichtungen, Arbeitgebern, Kostenträgern etc. werden von Rehabilitanden tatsächlich genutzt? Wo liegen Barrieren und Hemmschwellen?
  • Welcher zusätzliche Unterstützungsbedarf wird von den Rehabilitanden nach der Rehabilitation an die Reha-Einrichtung, an den Kostenträger, an den Arbeitgeber und die Kollegen formuliert?

Forschungsdesign

Die Studie ist als multimethodische Verlaufsuntersuchung konzipiert, die quantitative und schwerpunktmäßig qualitative Erhebungsmethoden und Analyseverfahren einsetzt. Die Verwendung mehrerer Datenerhebungs- und -auswertungsmethoden im Längsschnittdesign bietet dabei mehrere Vorteile:

  1. Die gestaffelte Datenerhebung ermöglicht eine längerfristige Begleitung der Teilnehmer und darüber einen konkreten Zugang zu ihren Entwicklungsgeschichten sowie ihren unterschiedlichen Deutungen und Motivationen in verschiedenen biografischen, gesundheitlichen und beruflichen Situationen („Person-in-der Konstellation“-Perspektive).
  2. Die komparative Analyse der Einzelfälle bereitet den Weg zu Erkenntnissen über die Differenzen zwischen den Problemlagen der Rehabilitanden bei der Rückkehr auf den alten Arbeitsplatz und denen bei einem Berufswechsel.
  3. Über die zu mehreren Zeitpunkten durchgeführten Interviews werden von allen Rehabilitanden der Zielgruppe benannte allgemeinen Bedingungen und Schwierigkeiten bei der Rückkehr (RTW) und dem Verbleib (SAW) in Arbeit sichtbar.

Das Forschungsdesign der qualitativen Erhebung folgt der Methodologie der Grounded Theory, bei der aus dem beständigen Rückbezug auf die erhobenen Daten und im beständigen Vergleich der Fälle miteinander strukturell verallgemeinerbare Fallkonstellationen entwickelt werden. Dabei stehen die subjektiven Sichtweisen und Handlungsperspektiven der Rehabilitanden nach medizinischer bzw. beruflicher Rehabilitation im Mittelpunkt. Aus ihrer Perspektive wird die soziale Wirklichkeit in einem prozessorientierten Vorgehen erfasst. Die aus dem Forschungsprozess generierten Konzepte stammen aus dem Feld und können für das Feld genutzt werden (vgl. Glaser und Strauss 1998, S. 253).

Literatur